Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Klaviersonate op. 10,1 c-Moll
1. Allegro molto e con brio
2. Adagio molto
3. Finale. Prestissimo
komponiert 1796/97
Noch ganz in der Klassik verwurzelt, wenngleich das weit ausladende Adagio bereits mehr als nur dem höfischen Salon verpflichtete Leidenschaft verströmt, in denen der junge und ungestüme Virtuose Beethoven gerne als genial-aufrührerischer Herzensbrecher auftrat. Zwei extreme, irrwitzige und kontrastreiche Rahmensätze umschließen eine große, virtuose Instrumentalarie. Intensität und Herausforderung in höchstem Maße. Der Titan zeigt unverblümt, was er kann, und verschwendet dabei keine Zeit. Vieles probiert er hier zum ersten Mal. Durchaus noch konservatives Material wird schonungslos und provokant ausgewertet. Die Tonart c-Moll mit ihren stiltypischen Erscheinungsformen (dichte Akkorde, aufsteigende Dreiklänge, punktierte Rhythmen) ist dabei kein Zufall: hier erscheint erstmals das berühmte Schickalsmotiv aus der 5. Sinfonie (im Finalsatz). Kein Ton zu viel!
Das Adagio stellt einen einzigartigen Versuch dar, eine lyrische Grundstimmung mit virtuosen Elementen zu verbinden wie schnellen Läufen, komplexer Harmonik und raumgreifenden Figuren.
Jenseits der Materialebene zeigt sich hoher Gehalt in der Macht, sich mit aller Kraft jeglicher Tendenz zu widersetzen, etwas Außermusikalisches zu »transportieren« als eben nur die im Werk enthaltenen Töne und Klänge. Beethoven leitete den Begriff »Dichtung« von »Verdichtung« ab. Alle Versuche, in diese Sonate ein poetisches Programm hineinzuhören, sind zum Scheitern verurteilt. Sie weckt Emotionen, ja, aber ohne aus der Sphäre des rein Musikalischen herauszutreten. (Ich weiß, was ich schreibe, denn ich kenne diese Sonate seit fast 50 Jahren sehr gut!) Ein Musterbeispiel der »absoluten Musik« im Sinne von »tönend bewegter Form« (Eduard Hanslick), die sich später besonders in den Sinfonien zeigt.
(August 2024)
Robert Schumann (1810 – 1856): Waldszenen op. 82
Neun Klavierstücke:
1. Eintritt
2. Jäger auf der Lauer
3. Einsame Blumen
4. Verrufene Stelle
5. Freundliche Landschaft
6. Herberge
7. Vogel als Prophet
8. Jagdlied
9. Abschied
komponiert um die Jahreswende 1848/49
Klaviermusik findet sich hier auf dem Höhepunkt der Romantik. Dichtung als Poesie, verbunden mit Natur- und Waldromantik. Dunkel, weihevoll, bedrohlich; aber auch fröhlich, friedlich, versöhnlich. Stücke sehr unterschiedlichen Charakters, teilweise von prophetischer Strahlkraft, zu einer szenischen Geschichte locker und geheimnisvoll verknüpft. Völliger Einklang von Ausdruck und Gehalt. Sehnsucht nach Harmonie zwischen Mensch und Natur. Kontraste innerhalb der Stücke sucht man vergebens, doch auch hier: kein Ton zu viel. Alles ist bedeutend. Schumann selbst schätzte dieses Werk als eines seiner besten. Wichtig auch hier: keine Programmusik, sondern poetische Musik, was ein Unterschied ist. Musik also, die für sich selbst steht, aber vieles subjektiv erwecken kann.
Die Satzanlage ist symmetrisch, aber auch antagonistisch; von
außen nach innen:
1 und 9: »Eintritt« und »Abschied«
2 und 8: Jäger (allein) und Jagdgesellschaft (gesellig)
3 und 7: Blume (Flora) und Vogel (Fauna)
4 und 6: Tod und Rast
5: Im Zentrum »Freundliche Landschaft«: Menschenleere Natur
Der »Eintritt« (1) verkörpert vom ersten Takt an Waldmotivik pur: Hornklänge, Widerhall und Schreiten. Man geht nicht in den Wald, man wird hineingezogen. Schon bald öffnen sich die Gedanken einem Strom, auf den der Kopf keinen Einfluss mehr nimmt.
Nach meiner bescheidenen Meinung mochte Schumann das Jagen nicht. Vielmehr macht er sich lustig über den »Jäger auf der Lauer« (2), der niemals trifft und dem das Wild im letzten Takt entkommt, so wie über die besoffen torkelnde Jagdgesellschaft, die beim »Jagdlied« (8) ins Horn bläst („Auf, auf, zum fröhlichen Jagen!“ wird zitiert), derweil die Hasen unbehelligt über das Feld hoppeln.
Die »Einsame Blume« (3) zeigt das Aufgehen einer Knospe sowie Überschattungen und Durchleuchtungen einzelner Blätter zu einer farbig irisierenden Vielfalt.
In der »Verrufenen Stelle« (4) hört man Krähen und deren Echo im Wald. Der Notentext nimmt Bezug auf Verse von Friedrich Hebbel:
„Die Blumen, so hoch sie wachsen,
Sind blass hier, wie der Tod;
Nur eine in der Mitte
Steht da im dunkeln Rot.
Die hat es nicht von der Sonne:
Nie traf sie deren Glut;
Sie hat es von der Erde,
Und die trank Menschenblut.“
Die weitest mögliche Entfernung vom Waldrand sowie von der menschlichen Zivilisation ist im zentralen und unscheinbarsten Stück »Freundliche Landschaft« (5) erreicht. Man fragt sich: Was findet hier statt? Nichts. Blätter fallen hernieder, Vögel huschen durchs Dickicht, Licht dringt ein: namenlose Geschäftigkeit. Es ist Ruhe-, Dreh- und Angelpunkt des ganzen Zyklus. Eichendorffsche »Waldeinsamkeit«.
Der »Vogel als Prophet« (7) gilt mit seinen naturnah gehörten Klängen als früher Vorbote des Impressionismus sowie als geniales Vogelstimmenimitat. Ein höchst eindrucksvolles Klavierstück, in dessen Mitte einer feierlicher Choral angestimmt wird.
Für den »Abschied« (9), vielleicht eines der geheimnisvollsten und tiefgreifendsten Stücke der gesamten Klavierliteratur, hat der postromantische Dichter Robert Walser nicht explizit, aber wohl doch passend folgende Worte bereit:
„Es ist ein dunkles Begreifen in jedermanns Herzen, warum der Wald so berauschend schön ist, und es will niemand, namentlich kein Empfindlicher, gern mit der lauttönenden exakten Sprache herausrücken. Wälder, durch die man gegangen ist, hinterlassen dem Herzen ein namensloses Gefühl der Hoheit und Heiligkeit, und solches Gefühl gebietet zu schweigen. »War es schön im Wald?« »Ja, o,« sagt man, »es war schön,« aber das ist auch alles.“ (Robert Walser, Der Wald)
(August 2024)
Aus dem umfangreichen Werk von Charles Valentin
Alkan habe ich die Variationen über die Arie
„La tremenda ultrice spada“ aus der Oper „I Capuleti e i
Montecchi“ von Vincenzo Bellini op. 16,5 nur in einer
sehr unleserlichen alten Druckversion von sehr schlechter
Qualität gefunden. Eine moderne und spielbare Version gab es
nicht. Da ich dieses aparte Stück aber erarbeiten wollte, um
meinem Lehrer einmal etwas zu bieten, das er noch nicht kannte
(es ist gelungen!), habe ich sie mit dem Notensatzsystem
Lilypond neu gesetzt. Während der Erarbeitung sind mir
ein paar Unstimmigkeiten aufgefallen, die ich auf Fehler beim
ursprünglichen Notensatz zurückgeführt habe. Diese habe ich
korrigiert: In der ersten Variation habe ich aus
spieltechnischen Gründen die Akkorde in der Begleitung dem
Original von Bellini angepasst (Var. 1, Takt 1ff.). Die
Alkansche Aufteilung der Akkorde war möglicherweise der noch
nicht befriedigenden Repetition der damals zur Verfügung
stehenden Instrumente geschuldet. An einer weiteren Stelle
(Var. 4, Takt 9) hat mein Lehrer Achim Clemens auf einer Anpassung eines Akkordes
in der linken Hand bestanden. Ich selbst bin mir diesbezüglich
nicht hundertprozentig sicher. Des weiteren zu diskutieren sind
Oktavergänzungen und Lesevarianten (sog. „Fliegenschisse“). Ich
habe diese Fassung beim Abschlusskonzert des Meisterkurses von
Peter Feuchtwanger in Hüde am Dümmer im
August 2013 erstaufgeführt. Die Kreiszeitung schrieb damals:
„Karsten Hens aus Bergisch Gladbach hatte
„Bellini-Variationen“ von Alkan gewählt, die durch ihre
Unterschiedlichkeit im Charakter und Tempi leben.“
Ich biete meine Fassung hier zum Download an:
Während der Coronazeit bin ich von Prof. Falko Steinbach
gebeten worden, im Rahmen des Internationalen
Klavierfestivals Lindlar, an dem ich insgesamt fünfmal
teilnahm, Videos zu produzieren, um die Kontinuität zu bewahren
und das Weiterleben des Festivals, welches 2021 aufgrund der
Pandemie nicht stattfinden konnte, zu dokumentieren. Nun, ich
habe das mit meinen bescheidenen und nicht professionellen
Mitteln getan. Daher geistern jetzt bei Youtube einige
Aufnahmen von mir herum, die ich hier vereinige.
Zuerst die Arabeske op. 18 von Robert
Schumann, die ich besonders liebe, wie fast alles von
Schumann. Im Gegensatz zu Beethoven oder anderen Komponisten
fällt es mir aber außerordentlich schwer, die komplexe
Notenstruktur von Schumanns Werken auswendig zu lernen. Daher
muss ich in den Mittelteilen immer mal wieder nachschauen, was
man vielleicht auch hört.
Dann gibt es eine Einführung zu Brahms' g-Moll-Rhapsodie op. 79,2. Dieses Video enthält eine subjektive und unverbindliche Spielinterpretation ohne jeden Anspruch auf Gültigkeit, indem es dem Stück eine programmartige Geschichte unterjubelt, die das komplizierte Verhältnis Brahms' zur Widmungsträgerin Elisabeth von Herzogenberg aufgreift. Natürlich vermisst man im Anschluss eine komplette Einspielung des Stückes. Diese ist derzeit in Arbeit.
Anlässlich Beethovens 200. Geburtstag am 16.12.2020 habe ich eine seine Bagatelle op. 119 Nr. 3 eingespielt. Da ich mit der Videobearbeitung noch in der Experimentierphase war, ist der Vorspann im Vergleich zur Kürze des Stücks etwas lang geraten.
Manchmal frage ich mich, wo meine Texte geblieben, sind die ich
einst für Booklets der CDs meines Freundes Alfredo Perl und
andere Interpreten schrieb. Ich habe mit verschiedenen
Labelbetreibern verhandelt und meist ein schmales Entgelt für
einen Haufen Arbeit erhalten. Doch dann wechselten die Labels
gerne ihre Besitzer, firmierten um, vereinigten sich, so dass
nach kurzer Zeit eine ziemliche Verwirrung entstand, wo und
unter welchen Bedingungen meine Texte verwendet wurden. Bei
meinen Recherchen machte ich teilweise überraschende Funde, wer
die Texte geschrieben haben wollte. Nur eines ist sicher: Über
die Weitergabe meiner Texte bin ich noch nie um Einverständnis
gebeten worden. Nun ja, das wäre vielleicht auch ein wenig zu
viel verlangt. Aber wenn meine Autorschaft unter den Texten
vermerkt wird, kommt ein Gefühl der Anerkennung auf. In diesem
Punkt fällt positiv die Firma OehmsClassics auf. Viele Texte
habe ich für sie geschrieben. Und sie verwendet meine Texte
auch nach vielen Jahren noch unter Angabe ihrer Provenienz. Das
freut mich.
Hier ein Beispiel meiner Arbeit: