
Erinnerungen an sieben Schuljahre im Internat.
In den Jahren 1976 bis 1983 habe ich als Schüler das Collegium Augustinianum Gaesdonck besucht. Meine lebhaften und reichhaltigen Erinnerungen an diese prägende Zeit habe ich aufgeschrieben und nun im Selbstverlag veröffentlicht. Eine günstige Neuausgabe befindet sich derzeit Vorbereitung und wird Anfang 2026 erscheinen.
Reicht man einen Text wo ein, so gibt man jegliche Kontrolle über ihn auf. Man besitzt ihn nicht mehr. Was damit geschieht, bestimmen jetzt Andere. Diese »Macht des Antwortenden« - so hat der Komponist Herbert Brün es einmal ausgedrückt - kennt wohl jeder Publizist oder Autor. Sie kann als bedrohlich empfunden werden. Und so sollte jeder Publizist oder Autor auch ein sensibles Händchen haben, wenn ihm selbst ein Text oder Ähnliches zur weiteren möglicherweise publizierenden Verwendung überlassen wird.
Im Sommer 2025 nahm ich an einem Essay-Wettbewerb der FAZ teil, der von der Feuilleton-Redaktion ausgelobt wurde. Das Thema »Wie viel Zeit braucht Kunst?« interessierte mich sehr. Ich schrieb einen Beitrag in der Form eines Dialogs. Ein Link befindet sich unter diesem Artikel.
Meine Einreichung wurde in einer knappen E-Mail als »wird berücksichtigt« quittiert. Berücksichtigt? Ich fühlte mich plötzlich wie ein Bittsteller oder ein Antragsteller. Dann hörte ich (bis heute) nichts mehr.
Am 26.11. fragte ich zaghaft nach, ob sich etwas ergeben hätte. Keine Antwort.
Am 29.11. recherchierte ich im Archiv der FAZ nach dem Wettbewerb und stieß tatsächlich auf einen Artikel zu einer »Shortlist«[1]. Leider konnte ich den Artikel zunächst nicht einsehen, weil mein Zugang gesperrt war (obwohl ich ein erforderliches »FAZ+« und »FAZ pur« Abonnement habe, also volles Programm: alle Artikel, keine Werbung). Ich las dann schließlich:
»Im Rennen um den F.A.Z. Feuilleton-Preis: sieben Texte, die auf unterschiedliche Weise der Frage nachgehen, wie Kunst und Zeit heute zusammenhängen – und was das im Zeitalter der KI bedeutet.«[1] Im Zeitalter der KI? Muss ich überlesen haben. Ich hatte mir etwas anderes notiert/kopiert:
„Wie viel Zeit braucht die Kunst?“
Essay-Wettbewerb FAZ
„Hinter dieser Fragestellung steht der Gedanke, dass Kunst seit jeher auf das Zeitgefühl und die Zeitbegriffe ihrer Gegenwart reagiert. Sie selbst nimmt dabei Zeit in Anspruch. Wir wollen dazu anregen, beidem nachzugehen.“[2]
< 17.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen), WORD-Datei
feuilleton-preis@faz.de
Einsendeschluss: 15. 08.2025
Mit der expliziten Aufforderung, auf KI einzugehen, hätte ich wahrscheinlich gar nicht erst teilgenommen; obwohl mein eigener Beitrag darauf ebenfalls deutlich Bezug nimmt (vielleicht nicht euphorisch genug?). Auf der Shortlist sah ich berühmte Namen wie Moritz Rinke und Nora Gomringer. 200 Einsendungen, davon also 193 aus dem Rennen. Aha.
»Am 6. Oktober entscheidet die Jury über den Siegertext. Die Preisverleihung findet am 27. Oktober im Deutschen Theater Berlin statt.«[1] Danke, leider zu spät.
Dann plötzlich ein Adrenalinstoß: »Ihre Antworten auf die Preisfrage können hier nachgelesen werden:« [1] Das ist aber eine schöne Form der Anerkennung, schoss es mir - mich irrtümlich angesprochen glaubend -- einen Moment lang durch den Kopf! Den Preis hätte ich eh niemals erwartet. Leider getäuscht, denn »Ihre« ist nur deshalb groß geschrieben, weil es der Satzanfang ist.
Gewonnen hat ein Klaus Rössler[3]. Den Essay »Wie verlassene Pixel die Zeit bezeugen«[4] konnte ich wieder nicht öffnen (angeblich wieder fehlendes »FAZ+« Abonnement, dann Error-Meldung: »Das hätte nicht passieren dürfen!« Ich stimme zu.). Irgendwann kamen die verlassenen Pixel zurück.
Ich las nun einen Essay (jetzt mit nerviger Werbung trotz »FAZ pur«-Abo) über die Vergänglichkeit von Minecraft-Servern und Computerspielen, über NFT-Kunstwerke und »Digital Ruins« (Habe ich zu wenig Englisch in meinem Essay?). Ruinen! Schöne Allgemeinheiten über die Bedeutung der Ruine als Symbol für die Zeitlichkeit von Renaissance bis Romantik. Das »Kunst-seit-jeher«-Kriterium ist abgehakt. Bildung überzeugt. Dann der unverzichtbare Hinweis auf Walter Benjamins ewigen Aufsatz über die Reproduzierbarkeit etc. Ein sicherer Wertungspunkt! Weitere Namedroppings: Hartmut Rosa, Paul Virilios. »Bedeutung braucht Bindung«, solche Slogans halt. »Was nicht performt, verschwindet«. Man hört den Werbefachmann. Und bei Proust geht die Jury endgültig in die Knie: »Marcel Proust suchte die verlorene Zeit in der Literatur. Heute suchen wir sie in Datenbanken. Doch wo Proust durch Erinnerung Ewigkeit schuf, schaffen Algorithmen nur Wiederholung.« Was für ein Satz! Der versiert geschriebene Text eines Marketingfachmanns. Respekt! Glückwunsch! Hauptsatzstakkato ist wohl heute gefragt.
Die zentrale Erkenntnis lautet: »Vielleicht ist das die tiefste Ironie digitaler Ewigkeit: Dass sie keine Zeit kennt. Und ohne Zeit – kein Gedächtnis.«[4] Eine krachende Kausalität zum Schluss. Was könnte wirkungsvoller sein? Doch könnte nicht genau so auch umgekehrt gelten: Ohne Gedächtnis keine Zeit? Die Zeit bringt nämlich das Gedächtnis nicht hervor, anders herum schon eher. »Die Zeit heißt Sukzession und Sukzession Veränderung«, schreibt Vladimir Nabokov in Fahles Feuer. Wie nähmen wir Veränderung wahr, wenn wir kein Gedächtnis hätten? Auch darauf nimmt mein eigener Beitrag ausführlich Bezug. Geht es also um die »richtige« Meinung?
Ich hätte mir von einer professionellen Fachjury durchaus eine Rückmeldung in irgendeiner Form gewünscht. Eine Einladung zur Preisverleihung hätte ich nicht als abwegig empfunden. Zumindest eine Mitteilung über das Ergebnis hätte ich aber erwartet. Als Lehrer habe ich immer ein ganz blödes Gefühl, wenn ich Schülerarbeiten bewerte, ohne ihnen mitzuteilen, nach welchen Kriterien ich vorgegangen bin. Ich reiche auch keine Kriterien nach, die ich vorher nicht genannt habe. Ich und die anderen 198 Loser sind in die Falle gestolpert und haben so zahlreiche »Digital Ruins« geliefert, verlassene Pixel, die die Zeitverschwendung bezeugen, über denen jetzt der digitale Abrisshammer der allfälligen »Garbage Collection« (Papierkorb) kreist, womit ich aufgrund der Energievergeudung durch nutzlos gespeicherte Daten nicht einmal ein Problem habe (immerhin etwas Digitales, und zwar ohne KI).
Quellen:
[1] Die Shortlist des F.A.Z.-Feuilleton-Preises steht fest - FAZ, 01.10.2025
[2] Das Feuilleton der F.A.Z. lobt Essay-Preis aus - FAZ (Datum unbekannt, da Artikelabruf Error-Meldung liefert)
[3] Was wird aus dem Pixel, wenn keiner mehr guckt? - FAZ 27.10.2025 (Bericht über die Preisverleihung)
[4] Wie verlassene Pixel die Zeit bezeugen - FAZ, 28.10.2025 (der prämierte Essay)
(November 2025)
Sehr erfreut hatte mich die Ankündigung eines neuen Werkes, das
im Laufe des Jahres beim Kupido Literaturverlag erscheinen wird und nun
bestellbar ist. Der Verleger, Übersetzer und Autor
Frank Henseleit hat sich des Briefwechsels
zwischen portugiesischen Schriftstellern Mário de
Sá-Carneiro und Fernando Pessoa
angenommen. Er erscheint in seiner eigenen, neuen Übersetzung
in zwei Bänden nebst Supplement in unterschiedlichen
Ausstattungsvarianten. Ich habe die schönen Bände ohne Zögern
vorbestellt. Nun ist der erste Band nebst dem Supplementband
erschienen und eingetroffen. Ich bin überwältigt von der
Schönheit dieser Ausgabe.
Auch ich habe -- mit Ausnahme Pessoas natürlich -- ziemlich
viele weiße Flecken auf meiner literarischen Erfahrungskarte im
Bereich Portugals; allein der Sprache wegen, die ich nicht
beherrsche. Die neue Übersetzung mag diese Lücke schließen
helfen, auch dank meines großen Vertrauens in die Übersetzungs-
und Editionsarbeit durch den Herausgeber und Übersetzer.
Weitere Infos und Bestellmöglichkeit hier.
Zu meinem Fotoalbum Bilderreise
zu Arno Schmidts »Seelandschaft mit Pocahontas« geht es
hier.
Direkt bestellt werden kann es bei epubli.
A.: Warum so ungehalten?
B.: Man kriselt im nahen Osten. Es wehrpflichtet sehr. Die
Großmächte poltergeistern. Politikerfräcke fledermausen : es
wird wieder einmal Nacht.
A.: Sie glauben nicht an Entwicklung ? Menschheit ?
Weltvernunft ?
(Arno Schmidt, 1956)
Damals: Als ich vor über 25 Jahren meine erste Homepage online stellte, war die Aufregung groß. Wie sehr viele andere Menschen auf der ganzen Welt bastelte ich mit HTML eine Seite, verlinkte alles, was ich für sinnvoll und bereichernd hielt, stellte Informationen dar. Bald kamen Bilder dazu und ich fing an meine Homepage mit programmierten Anteilen (Perl, PHP, Java) zu dynamisieren. Es entstanden tausende Vernetzungen über Hyperlinks, lange Lesezeichenlisten, jeder hatte einen Besucherzähler und ein Gästebuch. Dann gab es die ersten thematisch gegliederten Linkverzeichnisse im Netz. Auch Foren entstanden. In Newsgroups tauschte man sich direkt aus, und ein 1-zu-1-Gespräch führte man im dunklen Terminal des IRC-Chat. Ein Abend am Rechner konnte einem die Welt eröffnen. Logins und Accounts auf Webseiten gab es damals nicht. Mein Eindruck war immer gewesen, dass das WWW bewußt so konzipiert war, auf eine Personalisierung dieser Art zu verzichten. Und darin sah ich auch das Gute. Alles war offen mit allem verbunden. Ein spannende Zeit.
Heute rufen wir, wenn es hoch kommt, nicht mehr als fünf verschiedene Monsterportale auf, melden uns an, geben uns preis und suchen innerhalb dieser alles, was wir für die Angebote des WWW halten. Dabei werden wir abgefischt, gelenkt und ausgebeutet, dass sich die Balken biegen. Wir haben unsere informationelle Selbstbestimmung aufgegeben und haben uns den fünf großen Konzernen vollständig ausgeliefert. Wir haben sowieso nichts zu verbergen, sagen wir gern, und tummeln uns weiter munter in Big Brothers Reich. Und wir denken sogar, wir könnten nicht ohne sie auskommen. Eine schreckliche Zeit.
Als im Frühjahr 2024 bekannt wurde, dass Meta (Facebook, Instagram, Whattsapp) beabsichtige, mit den Inhalten seiner Nutzer ihre KI-Maschinen zu füttern (was sie wahrscheinlich längst tun, sonst hätten sie es nicht jetzt bekannt gegeben), habe ich den letzten, längst fälligen Schritt vollzogen, mich von allen „social media“ genannten Plattformen abzumelden und meine Daten löschen zu lassen.
Ich kehre also zurück zur guten alten Homepage. Mir ist klar, dass auch diese Daten zwecks geschäftsmäßiger Ausbeutung abgefetcht werden (ob verschlüsselt oder nicht, spielt keine Rolle, da ich keine personenbezogenen Daten der Besucher verwende), aber immerhin habe ich sie hier noch unter editorischer Kontrolle. Außerdem versuche ich, zu finden, was im Netz so über mich zu lesen ist und es in betreuter Form zu versammeln, damit man keine Suchmaschine bemühen muss, um das Wesentliche über die von mir zu Verfügung gestellten Inhalte zu erfahren.
(Dezember 2024)